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Was hat Heinz Schiffer mit den Andrew-Sisters zu tun?

ehemaliger Bandleader Heinz SchifferEs ist ein sonniger Maitag, als ich auf der wunderschönen Bahnstrecke das Rheintal hinunter Richtung Düsseldorf fahre, um an seinem Wohnort in Ratingen den ehemaligen Bandleader der Big Band der Bundeswehr, Heinz Schiffer, zu treffen.

Heinz Schiffer, Jahrgang 1938, ist ‑ bis heute ‑ ein Vollblutmusiker und ‑künstler. Das wird mir schnell klar, als mich der ehemalige Chef des bekanntesten Orchesters der Bundeswehr in Ratingen vom Bahnhof abholt. Schon nach wenigen Sätzen wird deutlich, dass seine ganze Leidenschaft der Musik und in der jüngeren Zeit auch der Literatur gilt. Diese Leidenschaft spiegelt sich in seinen Aussagen über seine Arbeit als Bandleader und Autor, aber deutlich auch im Ambiente seines Hauses, das zahlreiche Dokumente seines künstlerischen Wirkens beinhaltet, wieder.


New York oder Euskirchen

Im Jahr 1967 tritt Heinz Schiffer, nach er-folgreichem Kapellmeisterstudium und ersten beruflichen Erfahrungen als Solotrompeter und als Musiker am Theater, in die Bundeswehr ein.

Damals muss er sich zwischen einem Stipendium beim Leiter der New Yorker Philharmonie oder einem Engagement bei der Bundeswehr entscheiden. Er wählt die Bundeswehr und wird bereits 1972 mit der Leitung eines Musikkorps der Bundeswehr in Ulm betraut. Einen ersten Höhepunkt seiner beruflichen Laufbahn bilden dabei Auftritte bei der Sommerolympiade 1972 in München. In dieser Phase seiner Musikerkarriere denkt Schiffer sehr intensiv über Entwicklungsmöglichkeiten der Militärmusik nach.

Er ist überzeugt, dass sich auch die Militärmusik dem künstlerischen Wettbewerb mit anderen Bands und Orchestern stellen muss, um aktuelle musikalische Entwicklungen nicht zu verpassen und so ein hohes qualitatives Niveau halten zu können. Diese Überlegungen wird Schiffer einige Jahre später in seiner Funktion als Bandleader der Big Band der Bundeswehr mit der Integration moderner elektronischer Instrumente und eines neuen Konzertrepertoires sehr erfolgreich umsetzen.


Ein Mann in Uniform

Es gilt also einen Nachfolger zu finden, der in der Lage sein wird, das hohe künstlerische Niveau der Band zu halten. Und als sich 1982 Günter Noris von der Big Band der Bundeswehr verabschiedet, sind es nicht Greger oder Kuhn, die auf das Dirigentenpodest steigen, sondern ein Mann in Uniform ‑ Heinz Schiffer. Doch die Uniform alleine war es nicht, die Schiffer die Leitung einer der bedeutendsten Big Bands dieser Zeit ermöglichte. Vielmehr seine künstlerischen Fähigkeiten und Visionen in einer wenig innovationsfreudigen Zeit brachten ihm den entscheidenden Vorsprung vor seinen Mitbewerbern.


Glenn Miller und die Andrew-Sisters

Ein erstes Schlaglicht setzte Schiffer schon bald nach seinem Dienstantritt bei der Big Band der Bundeswehr. Sein Ideal ist ein Showorchester nach dem Vorbild des legendären Glenn Miller und dessen Gesangsgruppe, den Andrew-Sisters, und so ergänzt Schiffer die Big Band um drei Sängerinnen, die "Majories"

Die drei Damen Gundi Schultz, Annette Hergarten und Rose Tabesch, über die der ehemalige Verteidigungsminister Wörner während einer TV‑Sendung scherzhaft bemerkte: "Alle reden nur über Frauen in der Bundeswehr, aber Heinz Schiffer hat sie sich schon genehmigt", sind der neue optische wie akustische "Blickfang" des Orchesters und werden für die folgenden Jahre zum Markenzeichen der Big Band der Bundeswehr.

Bandleader Schiffer ist bestrebt, der Big Band einen neuen modernen Sound zu verleihen. Moderne Arrangements sollen daher eine Brücke zwischen traditioneller Militärmusik und Jugendwirksamer" Popmusik schlagen. Gerade die Jugend ist es ja, die die Big Band als "Werbeträger" der Bundeswehr ansprechen soll. Heinz Schiffer arbeitet aus diesem Grund mit international renommierten Arrangeuren ‑ allen voran Ron Simmons, der schon Filmmusiken für James Bond" arrangierte, Harald Rosenstein, Dieter Reith und Günther Schönberger zusammen.
Ein weiteres Ziel von Heinz Schiffer ist es, der Big Band der Bundeswehr auch den Zugang zu bisher nicht genutzten Foren künstlerischen Wirkens zu ermöglichen.


Erfolg auf Tanzturnieren

Neben zahlreichen Platten­aufnahmen erwirbt sich die Big Band bei der musikalischen Begleitung internationaler Tanzmeisterschaften einen herausragenden Ruf. Ein Highlight setzte die Big Band unter der Leitung Schiffers dabei gleich mit der ersten Platte zur Tanz­ Weltmeisterschaft 1984.

Heinz Schiffer sieht die Band als kulturelles Unternehmen, das neben dem dienstlichen Auftrag als musikalischer Botschafter der Bundeswehr auch einen Beitrag zur Entwicklung und zur Vielfalt der Musikkultur in Deutschland und bei vielen Auslandsauftritten leistet. Dies tut die Big Band der Bundeswehr auf Kanzlerfesten des Bundeskanzlers, bei Pressebällen, zahlreichen TV‑Auftritten und auf Senderreisen, die die Big Band zu allen Rundfunkstationen der Bundesländer führt und bei denen bis zu 30 Millionen Hörer erreicht werden. Weitere Konzertreisen führen Heinz Schiffer, die Big Band und ihre "Majories" nach Portugal, Italien, Belgien, Luxemburg und schließlich zur 100 Jahr‑Feier des US‑Staates South Dakota.

Dort präsentiert sich die Big Band bei ihren Konzerten ‑ unter anderem auf dem Nationalmonument der USA, dem Mount Rushmore ‑ so nachhaltig, dass alle Mitglieder der Band zu Ehrenbürgern des Staates South Dakota ernannt werden. Die Urkunde dieser Ehrenbürgerwürde schmückt heute das Wohnzimmer der Familie Schiffer.


Das Jahr der Wende

Einen Höhepunkt in der Karriere von Heinz Schiffer als Bandleader stellt sicherlich das Jahr 1990 dar. Im Jahr der Vereinigung der beiden deutschen Staaten fliegt die Big Band mit einem Transporthubschrauber der Bundeswehr über den noch bestehenden "Eisernen Vorhang" nach Dresden, das zu dieser Zeit noch ganz offiziell in der "DDR" liegt. Wenig später, Anfang Oktober 1990, trägt sich die Big Band der Bundeswehr in die Annalen deutscher Streitkräfte ein. Sie erreicht als erste "Einheit" der Bundeswehr in friedlicher Mission die Sowjetische Hauptstadt Moskau. Den historischen Tag der deutschen Vereinigung am 3. Oktober 1990 erleben Heinz Schiffer und die Big Band der Bundeswehr im Hotel der Roten Armee in Moskau. Von dem in der Bundesrepublik einsetzenden Vereinigungsenthusiasmus war dort ‑ verständlicherweise ‑ so Heinz Schif­fer, nicht viel zu spüren. Die Stimmung bessert sich jedoch erheblich, als die Big Band zu ihren "musikalischen Waffen" greift und bei Konzerten und TV‑Auftritten in Moskau, Kiew und Minsk, die sogar bis zur Raumstation "Mir" übertragen werden, ihr gesamtes musikalisches Können aufbietet. Besondere Begeisterung rufen auch hier die drei Sängerinnen der Band hervor, die mit ihren Stimmen und ihrem Charme die Zuhörer in ihren Bann ziehen.
Noch im selben Jahr gibt Heinz Schiffer mit seiner Big Band auch das erste Konzert eines (west)deutschen Orchesters in Ostdeutschland.

Am 1. April 1991 endet auch die erfolgreiche Arbeit von Oberstleutnant Heinz Schiffer als erstem Bandleader der Big Band der Bundeswehr, der eine Uniform trug. Er übergibt den Taktstock nach beinahe neun Jahren erfolgreicher Arbeit an seinen Nachfolger, den damaligen Hauptmann Robert Kuckertz.

Auf meine Frage, warum er sich, trotz zahlreicher Angebote, nie wieder als Orchesterchef betätigt hat, antwortet Heinz Schiffer: "Welches Orchester sollte ich noch leiten. Die Big Band der Bundeswehr war immer mein Bestes!"

Am 27. Dezember 2016 ist Oberstleutnant a. D. Heinz Schiffer nach einem erfüllten Leben in Ratingen verstorben.